Das Märchen vom preiswerten Wohnraum des Bauvereins in Darmstadt

Die Bauverein AG verfehlt ihren Anspruch bezahlbaren Wohnraum zur Verfügung zu stellen
Rita Weirich

Darmstadt ist eine der Wachstumsstädte in Deutschland. Diese Entwicklung ist nicht ohne Folgen für den städtischen Wohnungsmarkt geblieben. So steigen in den letzten Jahren die Mieten und Kaufpreise für Wohnungen kontinuierlich an. Wer in Darmstadt leben will, muss zunehmend mehr Geld fürs Wohnen ausgeben. So nimmt Darmstadt deutsch­landweit mit einem Mietpreis von 12,23€ pro qm im 4. Quartal 2018 Platz 5 ein (vgl. Statista 2019). Spitzenreiter ist München (17,56 €) gefolgt von Frankfurt (13,96 €), Stuttgart (13,64 €) und Berlin (12,29 €). Es besteht in diesen Städten ein enormer Neubaubedarf um die Preisentwicklung nachhaltig zu bremsen.

Diese Preisentwicklung führt u.a. dazu, dass die soziale Wohnraumversorgung von Haushalten mit Niedrigeinkommen immer schwieriger wird und gerade Familien mit Kindern verstärkt ins Umland abwandern müssen. Daher ist zu begrüßen, dass die Bauverein AG in der Lincoln-Siedlung 146 öffentlich geförderte Wohnungen errichtet, um mehr bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Die Bauverein AG sieht sich selbst „als städtisches Wohnungs­unter­nehmen, das Verant­wortung übernimmt, in und rund um Darmstadt preiswerten Wohnraum für alle Be­völ­kerungs­­schichten zur Verfügung stellt“ (vgl. CSR Report des Bauvereins von 2016).

Doch leider sind die öffentlich geförderten Mietwohnungen nur ein sehr geringer Teil des Wohnungsangebotes der Bauverein AG. Noch in diesem Jahr sollen insgesamt 500 Bau­vereins­wohnungen bezugsfertig sein. Das klingt gut und schürt Hoffnungen auf eine Entlastung des so angespannten Darmstädter Mietwohnungsmarktes.

Bauvereinsmieten über dem Mietspiegel

Aber schaut man genauer hin muss festgestellt werden, dass die Bauvereinsmieten. für die jetzt fertig gestellten, freifinanzierten Wohnungen in der Lincoln-Siedlung weit über den ortsüblichen Vergleichsmieten liegen. Nach dem qualifizierten Mietspiegel der Stadt liegen die Miethöhen für 3 Zimmer­wohnungen mit 81 qm bei 8,40 €. Zuzüglich der Wohnlage, dem Neubauzuschlag von 14% und den anderen Ausstattungsmerkmalen ergibt sich eine durch­schnittliche Nettokaltmiete von 11,42 €. In der Lincoln-Siedlung bietet der Bauverein 80 qm Neu­bauwohnungen für 13,58 € je qm an. Eine 4-Zimmerwohnung mit 108 qm kostet beim Bauverein 1.411,00 € kalt und damit 13,06 € je qm (s.u. Anlage Mietspiegel Lincoln-Siedlung). Ausgehend vom Mietspiegel liegen die Nettomieten für 4 Zimmer­wohnungen mit vergleichbarer Ausstattung bei 11,64 € je qm. Die Nettomieten des Bauvereins in der Lincoln-Siedlung liegen somit, je nach Größe der Wohnungen, zwischen 3,2 % und 22,3% über den in Darmstadt üblichen Mieten. Kleinere Wohnungen sind damit im Verhältnis zu großen Wohnungen erheblich teurer.

Neuvermietungen stellen eine zentrale Grundlage der Berechnungsmethode für die Vergleichsmieten dar und sollen über den Mietspiegel eigentlich Mietwucher verhindern. Die Bauverein AG verfehlt damit den eigenen Anspruch bezahlbaren Wohnraum zur Verfügung zu stellen. Ganz im Gegenteil werden dadurch im zukünftigen Mietspiegel weitere Mietsteigerungen initiiert und zementiert.

 

 

 

07.03.2019