Altersarmut von Frauen wirksam bekämpfen

Professorin Dr. Uta Meier-Gräwe zu den Ursachen und Vorschlägen zur Überwindung
Erhard Schleitzer

Das Südhessische Bündnis „Gemeinsam gegen Altersarmut von Frauen“ lud zu einer gut besuchten Veranstaltung am 4.11.2019 in Darmstadt ein. Zuerst erfolgte von der Referentin eine ernüchternde Bestandsaufnahme zur Situation der Frauen in Deutschland:

  • Der durchschnittliche Bruttostundenverdienst erwerbstätiger Frauen war 2015 um 21% geringer als der erwerbstätiger Männer.
  • Frauen haben ein um 49% geringeres Gesamterwerbseinkommen im Lebensverlauf als Männer (2016).
  • Frauen leisteten im Jahre 2012 im Durchschnitt 52% mehr unbezahlte Care-Arbeit als Männer, also anderthalb Mal soviel. Sogar 83% mehr in Paaren mit Kindern.
  • Die eigenen Alterssicherungsleistungen von Frauen waren 2015 um 53% geringer als die von Männern
  • Hochrechnungen zufolge wird bei bis zu 75 % der heute 35- bis 50-jährigen Frauen die gesetzliche Rente unter dem jetzigen Hartz-IV-Niveau liegen.

Nach einer OECD Studie ist das männliches Allein- oder Hauptverdienermodell in Deutschland immer noch vorherrschend - der Beitrag von Müttern mit mindestens einem Kind zum Haushaltseinkommen durch eigene Erwerbsarbeit liegt bei lediglich 22,6 %(Deutschland ist damit Schlusslicht unter den 15 ausgewählten Ländern).

Wie erklärt sich das und insbesondere die Verfestigung dieser Situation seit Jahrzehnten?Der Lebenslauf von Frauen ist pfadabhängig. Er folgt in der Regel folgendem Entwicklungspfad:

Berufswahl →Berufseinstieg →Familiengründung →Carearbeit →Trennung/Scheidung →Beruflicher Wiedereinstieg →Karierreübergänge →Rente.

Schon die Berufswahl kann entscheidend den Lebensweg beeinflussen. Viele Frauen wählen einen SAHGE-Beruf (SA - soziale Arbeit, H - haushaltsnahe Dienstleistunge, G - Gesundheit, Pflege, E – Erziehung). Charakteristisch für dies Berufe sind eine hohe Arbeitsintensität und eine stark unterdurchschnittliche Bezahlung. 80 % der Beschäftigten dieser Berufe sind weiblich - Frauen stecken also größtenteils in Berufen mit eingebautem Verarmungsrisiko. In Partnerbeziehungen haben Männer meist den besser bezahlten Beruf. Nach dem traditionelle Rollenbild hat sich hauptsächlich die Frau um die Erziehung der Kinder zu kümmern, wenn sie arbeiten geht, dann meist als „Zuverdienst“. Werden die Kinder älter oder steht die Trennung vom Partner an, gestaltet sich der Wiedereinstieg in den Beruf meist schwierig. Aktuelle Entwicklungen konnten verpasst werden, die Karriere verläuft nicht geradlinig nach oben. Mit geringerem Einkommen ist der Weg in die Altersarmut vorgegeben.

Die „Sandwich-Generation“

Die Allensbach-Studie „Zwischen Kinderbetreuung und Unterstützung der Eltern“ von 2015 ergab, dass 82 % der Frauen zwischen 40 und 59 Jahren das Gefühl der Überforderung kennen und ebenso viele das von Zeitnot, insbesondere wenn noch Kinder zu versorgen sind. Drei Viertel der Frauen, die eine/n Angehörigen pflegen, sind berufstätig, 30 % sogar in Vollzeit.

Männer haben bessere Möglichkeiten ihren beruflichen Entwicklungsweg zu verfolgen: Einstieg in einen besser bezahlten Beruf, in der Regel keine Unterbrechung durch Sorgearbeiten, kaum Teilzeit, ununterbrochene Beschäftigung bis zum Renteneintrittsalter (dies ist natürlich der ideale „männliche Entwicklungspfad“, der heute durch Veränderung der Arbeitswelt und der starken Zunahme von prekären Beschäftigungsverhältnissen auch bei Männern immer mehr in Frage gestellt wird).

Das Ergebnis der unterschiedlichen Entwicklungspfade von Frauen und Männern ist, dass der Beitrag von Müttern mit mindestens einem Kind zum Haushaltseinkommen durch eigene Erwerbsarbeit lediglich bei 25,2 % liegt.

Eine neue Entwicklungsrichtung tut Not

Die Sachverständigenkommission für den zweiten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung, deren Mitglied auch Prof. Meier-Gräwe war, forderte in ihrem Bericht 2017, dass sich die gesellschaftlichen Strukturen an die veränderten Rollenbilder anpassen müssen. Dazu sind nötig:

  • Beendigung der Förderung geringfügiger Beschäftigung,
  • Stützung ertragsschwacher Erwerbsformen durch Einführung von Mindestlöhnen,
  • Verbesserung der Arbeitsmarktchancen und -integration von Frauen,
  • Aufwertung von frauentypischen Berufsfeldern – Abbau des„genderpaygap“,
  • Stabilisierung der sozialen Sicherungssysteme durch zusätzliche vollwertige Beitragszahler,
  • Schaffung neuer Beschäftigungsverhältnisse, vor allem in personennahen Dienstleistungen,
  • Nutzung aller Talente - Verminderung von Fachkräftemangel.

Statt „Sackgassenberufe“ sollen die SAHGE-Tätigkeiten (s. o.) zu echten „Lebensberufen“ werden, in denen die Beschäftigen dauerhaft gut und existenzsichernd arbeiten und sich entwickeln können. Auch der öffentliche Dienst muss seine Einstellungspolitik ändern: Im Jahr 2017 bekam etwa die Hälfte der neu eingestellten Mitarbeiterinnen nur einen befristeten Vertrag.

Das Ehegattensplitting

„Als die Frau sich noch um Kinder und Haushalt kümmerte und der Mann das Geld nach Hause brachte, schenkte der Staat ihnen das Ehegattensplitting.“ In der folgenden Diskussion wird insbesondere auf die fatalen Folgen des Ehegattensplittings und deren Folgen für die Beibehaltung des „männlichen Ernährermodells“ in der Familie hingewiesen. Die steuerliche „Förderung“ der Ehe lässt sich der Staat 15 Mrd. € im Jahr kosten. Treffend ist der Schlusssatz in der Powerpoint-Präsentation der Referentin: „Kosten der Nichtgleichstellung sind deutlich höher als der Gleichstellung!“

 

10.11.2019