Menschen altern nicht alle gleich. Wer einen bessern Job hat, der verdient nicht nur mehr, sondern der lebt auch länger. Männer, die weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens verdienen, leben achteinhalb Jahre kürzer als Männer aus der höchsten Einkommensgruppe. „Wer arm ist stirbt früher“, bringt es die Professorin für Politische Soziologie an der Universität, Jena Silke van Dyk, auf den Punkt. Rente mit 70 im Jahr 2030 bedeutet für einen durchschnittlichen Gutverdiener, dass er noch 18 Jahre Ruhestand genießen kann. Dagegen kann ein Gleichaltriger aus der niedrigsten Einkommensgruppe lediglich mit zehn Jahren rechnen. Dazu kommt, dass Menschen, die einen schlechter bezahlten und körperlich anstrengenden Beruf ausgeübt haben, deutlich jünger sterben, als es ihre Lebenserwartung vorhergesagt hätte. Denn der Beruf spielt eine entscheidende Rolle für die Gesundheit im Alter. Die Bedingungen am Arbeitsplatz, die Art der Tätigkeit und die damit verbundenen Belastungen wirken sich direkt auf die individuelle Fähigkeit aus, bis zu einem hohen Alter erwerbstätig zu sein.
Wer arm ist stirbt früher
Die Wissenschaftlerin Silke van Dyk kritisiert, dass diese soziale Schieflage nicht aufgegriffen wird. „Dass in diesem Land bei Männern fast neun Jahre Lebenserwartung vom Einkommen abhängen, ist doch ein Riesenskandal – vor allem, weil es zu einer eklatanten Umverteilung von unten nach oben in der Rentenversicherung führt.“
Vor allem die schichtspezifischen Unterschiede in der Lebenserwartung sind ein gutes Argument gegen eine undifferenzierte Verlängerung der Lebensarbeitszeit. „Eine weitere pauschale Anhebung des Rentenalters über die ‚Rente mit 67‘ hinaus würde das Problem der Erreichbarkeit des Ruhestands verschärfen“, konstatiert Florian Blank vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung. Daraus ergibt sich eine grundlegende Kritik an der pauschalen Anhebung des Renteneintrittsalters : Geringverdiener werden dadurch doppelt bestraft. Sie haben kürzere, oft gesundheitlich belastendere Berufsleben und eine geringere Lebenserwartung, profitieren also seltener oder kürzer von ihrer Rente. Eine verantwortungsbewusste Sozialpolitik muss den im Berufsleben hart arbeitenden Menschen eine zuverlässige Perspektive geben, dass sie später eine auskömmliche Rente haben werden.
Neue Finanzierungsmodelle für die Rente
Die verdi-Seniorinnen und Senioren kritisieren deshalb entschieden die Forderung, das Renteneintrittsalter weiter anzuheben. Stattdessen fordern sie eine universelle Rentenversicherung für alle Erwerbstätigen, in der alle Arbeitnehmer, inklusive der Beamten und Politiker, und alle Selbständigen einzahlen – wie in Österreich. Auch die Beitragsbemessungsgrenze muss angehoben werden, damit ein größerer Teil des Einkommens von Besserverdienenden eingezahlt wird. Weiter sind Vermögenserträge in die Berechnung der Beitragszahlung mit einzubeziehen. Die Einnahmebasis der gesetzlichen Rentenversicherung wird dadurch entscheidend gestärkt. So kann das Rentensystem auf sichere und solidarische Weise finanziert werden. Bei der Diskussion über eine Reform der Rente müssen die oben genannten Faktoren berücksichtigt werden.
Die Fixierung allein auf das Anheben des Renteneintrittsalters führt zu einer Umverteilung von Arm auf Reich und zu einer schlechteren Lebensperspektive für hart arbeitende Menschen. Es geht bei der Absicherung des Rentenniveaus eben nicht um einen Konflikt zwischen Jung und alt.