Kriegsgefahr durch Russland? 

Diskussionsabend von der Linken und dem Friedensarbeitskreis Seeheim-Jugenheim
Die Linke / Friedensarbeitskreis Seeheim-Jugenheim

Rund 60 Teilnehmern nahmen am 28.4.2026 an der Veranstaltung in Seeheim-Jugenheim "Kriegsgefahr in Russland" teil. Den Vortrag hielt Willi van Ooyen, Vorsitzender der Friedens- und Zukunftswerkstatt.  Der Vortrag ist hier in einigen Grundzügen zusammengefasst.

W. v. Ooyen stellte den Ukraine-Konflikt in einen größeren Zusammenhang. „Die Welt scheint aus den Fugen.“ Betrachtet man zusätzlich zur Ukraine die Kriege und Konflikte in Gaza, den Libanon, Afrika, Venezuela, Kuba, Iran, stelle man insgesamt eine ökonomische, politische und klimapolitische Krise fest.

Die Politik der USA (Zollpolitik, Ausstieg aus dem Klimaabkommen, Völkerrechtsbrüche) sei konfrontiert mit einer multipolaren Welt, in der sich die USA als Nr. 1 behaupten will. Der Ukrainekonflikt habe sich zu einem Weltordnungskrieg entwickelt. Der völkerrechtswidrige Angriffskrieg Russlands sei zu einem Krieg zwischen Russland und der Ukraine mit Unterstützung der NATO geworden. Er eskaliere immer mehr durch Waffenlieferungen, Finanzhilfen für die Ukraine und den Wirtschaftskrieg gegen Russland. Der versuchte Ausstieg Trumps aus diesem Krieg erkläre sich mit seiner Orientierung auf den Hauptrivalen China. 

Die EU, insbesondere Deutschland, sei wirtschaftlich im Niedergang, ökonomisch und technologisch abhängig. In dieser Situation habe sie ein äußeres Feindbild (Russland) entwickelt, um innenpolitische Zumutungen durchsetzen zu können: schuldenfinanzierte Aufrüstung, Sozialabbau und Aushöhlung demokratischer Rechte. Deutschland ist mittlerweile der größte Unterstützer der Ukraine. Der Krieg soll weitergehen, Deutschland soll „kriegstüchtig“, die Wehrpflicht wieder eingeführt werden. 

Die Parole »Wenn du Frieden willst, bereite den Krieg vor!« funktioniere nicht. Jede Seite mache es genauso. Deshalb müssten sämtliche Kriege beendet werden, insbesondere da Atomwaffen eine existentielle Bedrohung der Menschheit darstellen. Statt des Rechts des Stärkeren müsse das Völkerrechtsprinzip wieder mehr Geltung erhalten durch Diplomatie, Verhandlungen, Kompromisse, eine Entspannungspolitik und friedliche Koexistenz.

Zur Diskussion

Die anschließende Diskussion war lebendig und durch unterschiedliche Positionen geprägt. Da das Thema sehr breit angelegt war und viele Aspekte angesprochen wurden, werden im Folgenden nur einige Diskussionspunkte genannt, wobei einige Beiträge zusammengefasst sind. 

Es wurde auf die Ursachen des Ukrainekrieges hingewiesen, denn wenn man die Ursachen nicht kenne, komme man auch zu keiner Lösung. Der Krieg habe eine lange Vorgeschichte und spitzte sich mit dem Maidan-Putsch 2014 zu. Er hätte schon mit den Friedensverhandlungen in Istanbul 2022 früh beendet werden können, wenn nicht Boris Johnson mit Unterstützung des Westens die Ukraine ermuntert hätte, mit Hilfe der NATO weiterzumachen.

Überhaupt gab es schon vor Ausbruch des Krieges viele Ansatzpunkte zur Beendigung des Krieges: das Bestreben des Westens und Russlands eine „europäische Sicherheitsarchitektur“ unter Einschluss Russlands Anfang der 90er Jahre, Minsk I und II (2014/2015), Verweise auf kollektive Sicherheitssysteme wie die UNO und die OSZE, die nicht genutzt wurden. So hat sich eine Eskalationsspirale entwickelt, die uns immer weiter an den Rand eines weltweiten Krieges führen kann und der die Klimakatastrophe vorantreibt.

Wie lassen sich Brücken bauen?

All diese Ansatzpunkte sind mögliche Antworten auf die Frage, die vielen Teilnehmern wichtig war: Wie kann man Brücken bauen? Man müsse auch mit dem Feind reden, sich von der Dämonisierung und dem Schwarz-Weiß-Denken verabschieden, stattdessen die Interessenlagen der jeweiligen Seite berücksichtigen, in den Dialog treten, Verhandlungen führen, Kompromisse eingehen.

Ist ein Krieg Russlands gegen ein NATO-Land zu befürchten, der ja sofort die Beistandspflicht der NATO herbeiführen würde? Davon gingen mehrere Teilnehmer aus. Dem wurde ein Zitat von Rutte entgegengehalten: „Als NATO sind wir 25mal größer als die russische Wirtschaft. Unser Militär ist dem russischen unendlich überlegen. Was unsere Luftwaffe angeht, so können die Russen mit ihren MIG-21 oder wie auch immer sie heißen nicht einmal im Schatten mithalten, weil sie keine gut ausgebildeten Kampfpiloten sind.“ (Aussage des amtierenden NATO-Generalsekretärs Mark Rutte am 13.10.2025 anlässlich der Jahrestagung der parlamentarischen Versammlung der NATO in der slowenischen Hauptstadt Ljubljana.

Quelle: https://www.nato.int/en/news-and-events/events/transcripts/2025/10/13/address)

Welche Gründe sollte Russland haben, Deutschland anzugreifen, fragte ein Teilnehmer. Russland habe riesige Flächen, Ressourcen, eine zahlreiche Bevölkerung. Was habe dagegen Deutschland anzubieten? Ein weiterer Beitrag ergänzte: Für Russland sei ein Nato-Beitritt der Ukraine eine rote Linie. Sein Sicherheitsbedürfnis sei bedroht. Dagegen strebe der Westen danach, Russland zu schwächen und zu einer Regionalmacht zu degradieren. (ergänzend hierzu eine Äußerung von Zbigniew Brzezinski „Ohne die Ukraine ist Russland keine Großmacht“ in seinem Buch „Die einzige Weltmacht, Amerikas Strategie der Vorherrschaft“, 1997; vgl. auch Tagesspiegel: https://www.tagesspiegel.de vom 22.2.2022.

Der Hoffnung auf ein geeintes demokratisches Europa als mögliche Alternative für Frieden wurde das imperialistische Geschäftsinteresse der jetzigen EU entgegengehalten sowie die nationalistisch agierenden einzelnen Staaten. Stichpunkte hierzu: die EU-Osterweiterung mit Erhalt billiger Arbeitskräfte und Ressourcen; Freiwilligkeit der Staaten zum Beitritt mit dem Lockmittel Geld, Demokratieabbau statt erhoffter Demokratie (Beitrag eines ausgewanderten Tschechen zu den beiden letzten Punkten).

Eine Schülerin brachte die Problematik für sich und ihre Generation auf den Punkt mit den ungefähren Worten: Wir Jungen müssen in den Krieg und sterben, in der Regel jedoch nicht die Befürworter von Wehrpflicht und Aufrüstung.

Offene Fragen und mögliche weitere Veranstaltungen

Es blieben natürlich angesichts des breit gefächerten Themas viele Fragen offen, z.B.:

  • Warum sind die UNO, das Völkerrecht so machtlos? 
  • Warum kommt es immer wieder zu Kriegen? Welche Rolle spielt dabei das kapitalistische Weltsystem?
  • Was sind die Voraussetzungen für einen dauerhaften, ewigen Frieden nach Immanuel Kant?

Auch wenn Vieles offen blieb, waren Vortrag und Diskussionen auch Anregung, sich weiter mit der Thematik zu beschäftigen, weitere Veranstaltungen und Initiativen hierzu anzubieten, z.B. 

  • Veranstaltung zur Wiedereinführung der Wehrpflicht in der 2. Jahreshälfte
  • Veranstaltung zu Voraussetzungen für einen „ewigen Frieden“ auf der Grundlage der Schrift von Immanuel Kant mit Bezug zur heutigen Situation.
  • Eine Idee, die in der Veranstaltung angesprochen wurde, war auch, eine Städteverschwisterung der Gemeinde mit einer ukrainischen und einer russischen Stadt anzustreben.

 

21.05.2026