Die meisten werden sich noch an den von der BILD-Zeitung mit dem Verein „Honestly Concerned“ losgetretenen „Antisemitismus-Skandal“ um die Michaelsgemeinde in Darmstadt im Dezember 2024 erinnern. Wem die Details fehlen, kann sich in den beiden Siehmaso-Artikeln „Rufmord an einem Unbequemen?“ (1) und „Kirche unter Druck“ (2) auf Stand bringen. Ein Gruppe um die Michaelsgemeinde wollte sich mit diesem Rufmord nicht abfinden.
Einzelne Personen stellten Strafanzeige gegen die Bildzeitung und reichten eine Beschwerde beim Deutschen Presserat ein. Die Strafanzeigen wurden alle abgewiesen, weil die Artikel der BILD-Zeitung von der Meinungsfreiheit gedeckt seien. Die Bild titelte u.a. „Kripo jagt Judenhasser vom Kirchen-Weihnachtsmarkt“, dabei war die Polizei gar nicht anwesend. Anwesende bezeugen, dass der Weihnachtsmarkt friedlich, multireligiös und harmonisch verlief. Die Betroffenen wurden nicht befragt und konnten sich zu den Vorwürfen nicht äußern.
Der Beschwerdeausschuss des Presserats weist im vorliegenden Fall die Beschwerde mit 3 Ja- und 3 Neinstimmen ab. Das wertet Dieter Becker nicht als „Klatsche“ für die Antragssteller (3), sondern verortet den Grund in der paritätischen Besetzung des Presserats aus Verleger- und Journalisten-vertretern.
Der Evangelischen Kirche Hessen Nassau (EKHN) wurde von den Betroffenen immer wieder Gespräche angeboten, um die Vorwürfe zu klären, was bisher nicht angenommen wurden.
Die Gruppe startete eine Petition gerichtet an die Strafantragsteller gegen die Michaelsgemeinde u.a. mit der Forderung „einen Runden Tisch einzuberufen, an dem alle Beteiligten in offenem Dialog zu den falschen, verleumderischen, vorveruŕteilenden Behauptungen der BILD-Zeitung, welche die Anzeigen auslösten, kritisch Stellung beziehen können, sowie zu erklären, wie sie in Zukunft das Recht auf Meinungs- und Versammlungsfreiheit schützen und wie sie im Falle erneuter Hetzkampagne gemeinsam institutionell und juristisch vorzugehen gedenken.“(4)
Der Kommunikationswissenschaftler Hartmut Vinçon dokumentiert die Skandalisierung des Friedensweihnachtsmarktes in seinem im Dezember 2025 erschienenen Buch „Kirche unter Druck“ akribisch durch Stellungnahmen aller Beteiligten und arbeitet die Wirkung auf alle Beteiligten heraus. Er erläutert ausführlich die Bedeutung der inkriminierten Ausstellungsstücke und wie diese absichtlich in einen falschen, angeblich antisemitischen Zusammenhang gesetzt wurden. (3)
Am 12.03.2026 stellte Hartmut Vinçon sein Buch im vollbesetzten Naturfreundehaus in Rahmen einer Podiumsdiskussion mit Prof. Martin Leiner, Versöhnungsforscher, Dr. Muhammad Sareer Murtaza, Islamwissenschafter, Muslim. Philosoph, Johannes Zang, Israel-Palästina-Experte und Michael Plöser, Rechtsanwalt vor. Der Verleger Dieter Becker moderierte die Veranstaltung. Die Veranstaltung wurde von Radio Darmstadt aufgezeichnet und ist abrufbar. (5)
Eine Petition, die keiner annehmen will
Die Petition wurde im April 2026 mit ca. 700 Unterschriften geschlossen und nach Übergabe-terminen angefragt. Vom OB Hanno Benz kam keine Antwort zu dem vorgeschlagenen Termin. Die Kirchenleitung der Evangelischen Kirche Hessen Nassau (EKHN) teilte uns 13. April mit:
„ vielen Dank für Ihre E-Mail. Wir bitten Sie um Verständnis dafür, dass wir zum gegenwärtigen Zeitpunkt kein Treffen für eine Übergabe Ihrer Petition anbieten können.“ EKHN / Amt für Öffentlichkeitsarbeit. Die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (GCJZ) teilte uns mit: „Ein Übergabeversuch der Petition während einer Kooperationsveranstaltung von Elisabeth-Langgässer-Gesellschaft Darmstadt e.V. und GCJZ Darmstadt zu Edgar Hilsenrath ist aus verschiedenen Gründen unangemessen. Keiner der Vorsitzenden wird bei der Veranstaltung anwesend sein. Mit Blick auf den angeschlagenen Gesundheitszustand der Referenten bitten wir dringend von einer Aktion abzusehen.“ Letzteres wurde befolgt und eine neue Terminanfrage gestellt, der stattgegeben wurde. Die Petition wurde am 28.5.2026 an die GCJZ Darmstadt übergeben, aber das Gesprächsangebot des Solidaritätskreises Michaelsgemeinde mit der Begründung abgelehnt, dass er sich erst vom Inhalt der ausgestellten Gegenstände distanzieren müsse und die Delegation durfte das John.-F. Kennedy-Haus erst gar nicht betreten.
OB Benz sollte die Petition vor der Stadtverordnetenversammlung am 16.04.2026 übergeben werden. Nachdem er angesprochen wurde, rauschte er am Eingang des Justus-Liebig-Hauses an der Gruppe mit den Worten „ich habe gesagt, dass ich es nicht annehme... Sie können es mit der Post schicken“ vorbei. Inzwischen wurde die Petition mit der Bitte um Stellungnahme und Gespräch zugeschickt. Bisher gab es noch keine Antwort.
Am selben Tag fand eine Veranstaltung der Hochschule Darmstadt (h-da) mit dem Titel „Wer darf hier entscheiden: Müssen wir die Demokratie vor sich selbst schützen?“ mit Kirchenpräsidentin Prof. Dr. Christiane Tietz (EKHN), Prof. Dr. Roman Poseck, hessischer Minister des Innern, für Sicherheit und Heimatschutz, und Prof. Dr. Charlotte Dany, Professorin für Entwicklungs- und Organisationskommunikation an der h_da, statt (6). Die Petition wurde Frau Tietz zu Beginn der Veranstaltung auf den Schoß gelegt, da sie eine Übergabe ablehnte. Frau Tietz ließ die Petition auf den Boden fallen und schob sie mit den Füßen unter ihren Stuhl.
Der Umgang in Deutschland mit dem Konflikt im Nahen Osten ist symptomatisch. Erinnert sei an die zahlreichen Raumverbote, Entlassungen, Hausdurchsuchungen, Kongressverbote und der politische Druck, der auf Veranstalter ausgeübt wird. Kritische Äußerungen an israelischer Politik wird reflexartig mit Antisemitismus-Vorwürfen und Verdacht der Holocaust-Leugnung delegitimiert. Der Fall der Michaelsgemeinde in Darmstadt ist kein Einzelfall, aber an diesem Fall lässt sich die Mechanik einer ausgehöhlten Demokratie studieren. Der Solidaritätskreis Michaelsgemeinde hat Argumente vorgelegt, warum er die beanstandeten Ausstellungsstücke nicht als antisemitisch wertet. In den Kommentaren der Petition finden sich viele Aussagen von Teilnehmern des Weihnachtsmarktes, die etwas komplett anderes schildern, als es die reißerischen BILD-Artikel suggerieren. Es war kein BILD-Reporter vor Ort. Nachdem sich der aufgewirbelte Staub gelegt hat, würde man erwarten, dass die Ereignisse aufgearbeitet werden. Stattdessen Dialog-Verweigerung.
Quellen:
- https://politnetz-darmstadt.de/node/35179
- https://politnetz-darmstadt.de/index.php/node/35897
- Hartmut Vinçon „Kirche unter Druck“, AIM-Verlagshaus, Frankfurt 2025
- https://www.openpetition.de/petition/online/solidaritaet-mit-den-veranstaltern-anti-kolonialistischen-friedensweihnachtsmarkts-michaelsgemeinde
- https://www.youtube.com/watch?v=Eow5U5DlXJU
https://wdc2026.org/de/events/hda-dialog-forum-demokratie-schuetz